Paul Scharner: "Man kann fast sagen, die Austria hat mehr Fans als Red Bull."

Wir trafen Paul Scharner bei "Paul Scharner bewegt", einem etwas anderen Trainingstag für Kinder und Jugendliche, in Purgstall (NÖ) zu einem Interview.

VT97: Wie geht es Dir?

Paul: Ja, mir geht es gut. Es ist jetzt gerade ein wenig stressig, da ich heuer das erste Mal in meinem Heimatort in Purgstall einen Kinder- und Jugendwettbewerb durchgeführt habe. Aber so geht es mit tadellos. Ich habe zurzeit Urlaub und es taugt mir absolut, dass ich nun ein wenig Ruhe vom Fußball habe.

VT97: Wie kam es damals zum Wechsel von Austria Wien zu Austria Salzburg?

Paul: Ich habe damals unter Trainer Joachim Löw bei Austria Wien die Einwechselung nicht akzeptiert. Präsident Rudi Quehenberger hat mir bei Austria Salzburg die Chance gegeben, weiterhin in der Bundesliga zu spielen. Dafür bin ich ihm noch heute sehr dankbar.

VT97: Welche Erinnerungen hast Du an deine Zeit in Salzburg?

Paul: Die größte Erinnerung ist sicherlich, dass es eine sehr kurze Zeit war. In diesem Jahr habe ich auch geheiratet. Dadurch war jetzt nicht unbedingt die gezielte Priorität auf Fußball ausgerichtet. Es war aber eine sehr schöne Zeit, da ich nach der Verweigerung bei Austria Wien, die Chance bekommen habe in der Bundesliga zu spielen. Vom Leben her ist Salzburg sicherlich einer der schönsten Orte in Österreich.

VT97: Was war dein schönster Moment im Dress von Austria Salzburg?

Paul: Der schönste Moment war, dass wir dem Abstieg entronnen sind. Ich glaube es war damals das Spiel gegen den FC Kärnten, das wir 3:2 gewonnen hatten. Ich wurde dabei mit Gelb-Rot ausgeschlossen. Mir ist dabei natürlich ein Stein vom Herzen gefallen, dass wir das Spiel trotzdem gewonnen haben. Es war ein Entscheidungsspiel und sicherlich dafür ausschlaggebend, dass der FC Kärnten in diesem Jahr abgestiegen ist und Austria Salzburg den Klassenerhalt geschafft hat. Es war aber auch ein tolles Erlebnis, wie ich Rudi Quehenberger in Zauchensee kennen gelernt habe. Er hat sich damals drüber getraut, einen verrückten Revoluzzer „Paul Scharner“ zu nehmen.

VT97: Hast Du noch Kontakt zu ehemaligen Teamkollegen bei Austria Salzburg? Wenn ja mit wem?

Paul: Mit ehemaligen Teamkollegen habe ich eigentlich keinen Kontakt mehr. Ich habe ab und zu Kontakt zu Rudi Quehenberger oder dem damaligen Sportdirektor Peter Assion. Ab und zu auch mit Walter Hörmann.

VT97: Die Salzburger Austria ist seit Ihrer Neugründung im Jahr 2005 jedes Jahr aufgestiegen und spielt nächstes Jahr bereits in der 1. Landesliga. Denkst Du, dass sich der Verein in einer höheren Liga etablieren kann?

Paul: Meiner Meinung nach ist in Österreich alles möglich, weil die finanzielle Lage eh nicht so gut aussieht im österreichischen Fußball. Wenn es da gelingt ein brauchbares Sponsorship aufzustellen, bin ich der Meinung, dass man zumindest in der „Adeg“-Liga spielen kann.

VT97: Du hast die Übernahme des SV Austria Salzburg als prominenter Unterstützer der Initative Violett/Weiß hautnah miterlebt. Wie ist deine Meinung dazu?

Paul: Es ist immer sehr schade wenn Tradition mit Füßen getreten wird. Man kann fast sagen, dass die traditionelle Austria Salzburg mehr Fans hat als Red Bull Salzburg, wenn man das Ganze im Vergleich sieht, wo Austria Salzburg jetzt spielt und Red Bull Salzburg spielt. Wenn eine komplette Tradition komplett gelöscht wird, nur wegen eines Sponsors oder Eigentümers ist das schade und ich weiß nicht ob sich das wirklich rentiert.

VT97: Du verstehst die Fans die zum Schritt der Neugründung mehr oder weniger gezwungen waren?

Paul: Ja absolut! Es gibt ja durchwegs Beispiele, nicht nur in Österreich, sondern auch in England mit Manchester United. Ich glaube, dass im Fußball schon überwiegend das Geld und das Geschäft regiert. Deshalb tritt man die Tradition oft mit Füßen, ich weiß nicht ob dass die richtige Richtung ist, denn immerhin lebt der Spieler am Feld auch vom Fan. Denn wenn man vor leeren Rängen spielt, ist es sehr fad als Spieler.

VT97: Welchen Rat kannst Du, als erfahrener Spieler, dem SV Austria Salzburg „auf dem Weg zurück“ geben?

Paul: Ich denke, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Ich weiß jetzt nicht genau welchen Zuschauerschnitt Austria Salzburg nun hat, aber ich habe gehört dass bei der Meisterfeier rund 3000 Zuschauer vor Ort waren. Das ist natürlich toll. Es wird sich auf Dauer gesehen durchsetzen. Wichtig ist, dass weiterhin alle so toll zusammen halten und den Verein unterstützen. Dann wird man bald wieder auf Bundesligaebene zu bewundern sein. Ob es dann die Adeg Erste Liga oder die Bundesliga ist, kann ich nicht sagen. Es wird auch davon abhängen, ob Salzburg zwei große Vereine verträgt.

VT97: Du bist zweifelslos einer der besten österreichischen Legionäre. Bei allen Vereinen, bei denen Du gespielt hast, warst Du ein Führungsspieler. Was macht den Profi Paul Scharner aus?

Paul: Ich glaube die Professionalität, die ich seit dem ich Profi bin, anwende. Ich arbeite konzentriert dass mache eben mehr wie die anderen und ich setze mir Ziele, die natürlich auch mal scheitern können. Ich schaue einfach, dass ich mich von Tag zu Tag verbessert, von Woche zu Woche meine Schwächen bearbeite und meine Stärken noch stärker mache.

VT97: Auch im Nationalteam bist Du ein absoluter Führungsspieler. Du bist nach deinem kurzzeitigen Rücktritt vom Team nun stellvertretender Kapitän. Denkst Du, dass jemand der Recht hat, irgendwann auch Recht bekommt?

Paul: Man muss dran bleiben, man darf Sicht nicht unterkriegen lassen. Ich habe natürlich einen eigenen Weg mit meinem Personalcoach Valentin Hobel bestritten. Aber mittlerweile setzt sich dieser Weg durch. Ich bin noch immer der Meinung, dass man zu zweit eine größere Karriere erreichen kann als alleine, weil Du als Spieler den Hintergrund gar nicht bearbeiten kannst, da Du gar nicht den Einblick hast. Darum braucht man „Hintergrundkämpfer“. Ich bin der „Frontkämpfer“ am Feld, das ist meine Aufgabe.

VT97: Du spielst in der wahrscheinlich besten Liga der Welt. Spielst dabei Woche für Woche gegen die besten Spieler der Welt. Wie hast Du reagiert als der Wechsel von Brann Bergen zu Wigan Athletic über die Bühne gegangen ist?

Paul: Ein Traum ist für mich in Erfüllung gegangen. Für mich war es immer ein Ziel in der englischen Premier League zu spielen. 2006 war es mit dem Wechsel zu Wigan Athletic so weit, denen ich irrsinnig dankbar bin, dass sie mir diese Chance gegeben haben, mich in der Premier League zu etablieren. Ich bin auch der Meinung, dass die Premier League die beste Liga der Welt ist, mit dem größten Publikumsinteresse weltweit. Die Liga wird auf der ganzen Welt im Fernsehen übertragen. Ich brauche da nur ein Spiel stellvertretend herausnehmen: Das Saisonfinale 2007/08 Wigan Athletic gegen Manchester United haben 1,4 Milliarden Menschen vor den TV Geräten mit verfolgt.

VT97: Was macht die Premier League so einzigartig?

Paul: Aus sportlicher Sicht auf jeden Fall das hohe Tempo, das dort gespielt wird. Die Teams ab Platz 10 sind athletisch wirklich absolut top. Darunter setzt man vor allem auf Kampf um dem Abstieg zu entrinnen. Natürlich aber auch die Stars, die durch das viele Geld, dass in der Premier League im Umlauf ist, zu den Topklubs kommen. Die Premier League ist einfach top aufgezogen, perfekt vermarktet, wird in der ganzen Welt im TV gesendet und das macht schon einen großen Unterschied aus.

VT97: Du wohnst in der Nähe von Manchester, wo ja auch ein von Fans gegründeter Verein, der FC United of Manchester spielt. Hast Du davon etwas mitbekommen?

Paul: Wenn mich nicht alles täuscht, spielen sie sogar schon wieder Profifußball. Spielen dort in der 3ten oder 4ten Profiliga. Ich habe mich aber nicht genauer damit befasst, glaube aber, dass sie dieses Jahr Meister geworden sind und einen großen Zuschauerzustrom haben. Ich denke, dass sie ähnlich wie Austria Salzburg ganz dick da sind.

VT97: Fast jeder Verein in England gehört einer Privatperson oder einem Unternehmen, fast genau wie in Salzburg mit Red Bull. Die Tradition der Vereine besteht aber weiterhin. Warum denkst Du, dass es in England funktioniert?

Paul: Ich glaube der Clou ist einfach, dass man den Sponsor-Namen nicht in den Vereinsnamen übernehmen darf. Dass ist meiner Meinung der größte Unterschied. Da heißt eben Wigan Athletic nicht JJB Wigan oder der FC Liverpool nicht Carlsberg Liverpool. Ich glaube die Fans interessiert nicht so wahnsinnig wer hinter dem Namen steht, sondern dass der Klub so weiterlebt wie er entstanden ist. Da schauen die englischen Klubs schon sehr darauf. Damit bleibt der Identifikationsfaktor zu den Klubs bei den Fans einfach größer.

VT97: Was hältst Du vom Trend „moderner Fußball“ – Erfolg um jeden Preis?

Paul: Finde ich absolut nicht gut. Mir gefällt zum Beispiel der Weg von Barcelona ganz gut, dass man eben ohne Schulden weiterkommt und haben damit großen Erfolg, wie man beim diesjährigen Champions League Sieg sehen konnte. Ich denke nicht, dass es der richtige Weg ist, dass man sich hoch verschuldet und eben auf Pump den Erfolg versucht zu kaufen. Man sieht ja wie langlebig der Erfolg ist, den man sich da zusammen kauft. Das funktioniert vielleicht einmal in zehn Jahren. Ob das dann genug ist, weiß ich aber auch nicht Recht.

VT97: Du stehst jetzt kurz vor einem Wechsel zu einem anderen Verein. Kannst Du schon sagen, wohin es Dich ziehen wird?

Paul: Ich kann nur so viel sagen, oberste Priorität hat die Premier League, dass ist ganz klar. Es kann aber durchaus aber auch ein Wechsel nach Deutschland passieren. Es ist zur Zeit Valentin Hobel bzw. mein Manager in England, mit Hintergrundarbeiten gefragt. Auf diese beiden kann ich mich verlassen. Sie werden mir dann etwas Konkretes vorlegen und dann werde ich mich entscheiden. Bis dahin genieße ich meinen Urlaub. Man wird sehen ob ich den Trainingsstart am 8. Juli in Wigan oder bereits wo anders aufnehme.

VT97: Welche Schlagzeile würdest Du gerne über Dich lesen?

Paul: Da muss ich überlegen. Keine Ahnung. Da fällt mich auf die Schnelle nichts ein.
VT97: Was würdest Du zu folgender Schlagzeile sagen: „Transfersensation! Paul Scharner wechselt zu Bundesligaaufsteiger Austria Salzburg und wird dort seine Karriere beenden!“

Paul: Ich muss zugeben, dass hört sich ganz interessant an. Ich habe aber vor meine Karriere im Ausland zu beenden. Außerdem ist es für solche Prognosen noch etwas zu früh (lacht)

VT97: Was war für Dich bisher der schönste Karrieremoment?

Paul: Auf jeden Wechsel der Wechsel nach England, zu Wigan Athletic im Jahr 2006. Aber auch der Klassenerhalt mit Austria Salzburg in der Saison 2003/04

VT97: Du bist ein richtiger Allrounder. Derzeit spielst Du in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld. Wo kannst Du deine optimale Leistung abrufen?

Paul: Ich habe zuletzt meist im defensiven Mittelfeld gespielt und sehe dort auch meine größten Stärken.

Wordrap:
Violette Teufel: in letzter Zeit leider wenig Kontakt, der hoffentlich wieder intensiver wird. Auf jeden Fall enorm wichtig für
Austria Salzburg. Ich finde es absolut lässig, dass Austria Salzburg so einen Zuspruch hat und da dürfen natürlich die Fanclubs nicht fehlen, damit man gemeinsam der Konkurrenz entgegen setzen kann.

Austria Salzburg: war eine sehr schöne aber auch sehr kurze Zeit. Ich bin zweimal umgezogen in Salzburg. Alles in allem, war es ein sehr schönes Erlebnis.

Niederösterreich: mein Heimatbundesland mit dem ich sehr viel verbinde. Man wird sehen, wie es nach meiner aktiven Karriere in Niederösterreich weiter geht.

Premier League: beste Liga auf diesem Planeten

VT97: Danke für das Gespräch!

Paul: Danke! Und danke für den Besuch und der Mithilfe bei meinem Camp!


Das Interview führte Michael Niederer

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